INVERSES FASZINIEREN

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Auf einer Messe bin ich unlängst auf eine meterhohe und meterbreite halbdurchsichtige Blase gestoßen. Dahinter stand etwas, das nach einem Tisch aussah. Die Blase wirkte wie ein hauchdünner Heißluftballon und doch gab es keinen Brenner, keine Geräusche und keine Bewegung des ballonartigen Gebildes.
Außen dran klebte ein unscheinbares Stück pinkes Klebeband mit der Aufschrift "Don't touch", das Erwachsene erfolgreich davon abhielt, das Objekt zu berühren. Kinder waren keine bei der Messe, sie hätten sich wahrscheinlich nicht alle abhalten lassen. Die Großen hielten sich an die Anweisung.
Was passierte war allerdings, dass so gut wie alle Menschen darauf aufmerksam wurden, aus der Entfernung erst einmal nur auf das ungewöhnlichen Gebilde. Je näher sie kamen, umso größer stand ihnen die Neugier ins Gesicht geschrieben. Und dann geschah das Paradoxe: ein kleiner Sticker durchbrach ihren inneren Wunsch die weiße Hülle zu berühren.
Plötzlich waren sie hellwach und hoch aufmerksam.
Sie fragten sich, warum man das Gebilde wohl nicht berühren darf, was passieren würde, wenn man sich über das Verbot hinwegsetzen würde, was die Technik dahinter sein könnte.
Viele Menschen verweilten, dachten, behielten ihre Finger bei sich, aber nicht ihre Gedanken. Und bestimmt hat so mancher die Erinnerung an diesen Messestand mit nach Hause genommen und hat noch Tage danach überlegt, wie es wohl gewesen wäre, hinzugreifen und diese Sinneserfahrung gemacht zu haben.
Genau dieses Prinzip lässt sich auch im Lernen nützen, besonders bei Kindern, die nicht besonders gierig auf Neues sind.
Das Koffermenü und verschiedene andere Varianten, Material zu präsentieren, zielen auf genau diese Dynamik ab. Ihr findet dazu schon einiges in der Freikinderei.
Selbst so einfachen Spielen wie dem Körnerbecken kann man mit dieser Methode mehr Anziehungskraft verleihen.
Man füllt das Körnerbecken, im Idealfall eine Glasschüssel und stellt sie oben auf ein Regal, wo das Kind sie sehen, aber nicht berühren kann. Man kann die Schüssel auch zuerst auf den Tisch stellen und erst auf das Regal, wenn Interesse geweckt wurde. Man vertröstet das Kind auf morgen oder übermorgen.
Durch die Neugier in Kombination mit der Unerreichbarkeit, entsteht Spannung. Das ist nicht manipulativ, sondern entspricht vielen Situationen aus dem Alltag, etwa, wenn ein Kuchen gebacken wird. Der Teig verschwindet im Ofen, ist unerreichbar, ist in der Erinnerung aktiv, das Kind geht immer wieder zum Ofen. Die Vorfreude steigt. Das Interesse am Kuchen wird groß (gemacht).
Auch Urlaubsplanungen für Kinder funktionieren nach diesem Prinzip, aber auch Weihnachten. Auf Kinder üben solche Events deshalb noch viel mehr Faszination aus.
Selbstgebackene Kuchen schmecken nicht nur besser, sie wurden durch inverse Faszination verzaubert.
Wann immer man das möchte, kann man diese Methode beim Lernen verwenden. Ein bisschen Neugier erwecken, etwas Hokus Pokus und dann die Stopptaste "Don't touch", "Nicht berühren", "Noch nicht für dich".
Das ist es übrigens auch, was den Besitz der großen Geschwister so interessant macht oder die Handys, Stöckelschuhe oder Motorsägen.
Etwas erregt die Aufmerksamkeit und man darf es nicht verwenden, besitzen oder berühren.
Die Spannung steigt und wird endlich zu Entspannung, wenn die Aufgabe erklärt wird und das Körnerbecken vor dem Kind auf dem Tisch steht und es losgeht.
Hände rein, Gehirn an, Sensorik, Freude, Feuerwerk der Gefühle.
Das ist natürlich Inszenierung und hat in Schulen kaum Platz, denn dort werden Kinder durch angedrohte, schlechte Noten gesteuert oder durch in Aussicht gestellte gute Noten gelockt.
Zuhause hat man stattdessen die Möglichkeit der Faszination, der Freude, des Staunens und man kann sie sich zunutze machen. Sie kostet nämlich nichts, außer etwas Umdenken bei den Erwachsenen, die es aus der eigenen Schulgeschichte leider anders kennen.
Wo immer man kann, sollte man inverse Faszination einbauen. Es lohnt sich wirklich und macht allen das Leben leichter.
